Illustration
Direkt zum Inhalt dieser Seite (accesskey=1) - Direkt zur Hauptnavigation (accesskey=0)- Direkt zur Sitemap (accesskey=9)
Illustration

1926 bis 1939

Der Beginn des Ersten Weltkrieges verhinderte zunächst die Fortsetzung der Festtradition in Wennigsen. Es folgten die Revolution von 1918 und die unruhigen ersten Krisenjahre der Weimarer Republik. In den frühen 20er Jahren verhinderte die immer stärker um sich greifende Inflation, die sich bis zum November 1923 auf einen Kurs von 1 US-Dollar zu 4,2 Billionen Mark schraubte und alle Ersparnisse vernichtete, eine Wiederaufnahme des Festes. So dauerte es dann bis zum Jahr 1926, als sich die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Deutschland vorübergehend stabilisiert hatten, daß wieder ein historisches Schützenfest - nach einer Pause von 13 Jahren - gefeiert werden konnte. „Ein altes historisches Schützenfest, wie es vor dem Kriege gefeiert wurde, hat hier in den ersten Tagen dieser Woche wieder nach langen Jahren stattgefunden. Unser Ort hatte sich wunderbar geschmückt zu diesem Feste und ungezählte Fremde waren herbeigeeilt, um sich den Aufmarsch, das Exerzieren, den Ausmarsch und alles, was damit zusammenhängt, anzusehen. So ein farbenfrohes und buntbewegtes Bild war aber auch der Mühe wert, sich anzusehen und immer wechselten die Bilder, so daß keine Langeweile eintrat. Ein herrliches Wetter begünstigte die Feier an allen drei Tagen, so daß es ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes geworden ist.“

Eine Besonderheit des Jahres 1926 war die Aufstellung einer vierten Garde. Zusätzlich zu den drei traditionellen Garden war eine Garde „Lettow-Vorbeck“ eingerichtet worden, die in Uniformen der deutschen Kolonialtruppen der Kaiserzeit marschierte. Diese Garde wurde nur dieses eine Mal aufgestellt. Die Beteiligung einer Garde in Uniformen der Kolonialtruppen war weniger historisch als vielmehr in hohem Maße politisch, stellte sie doch in Zeiten der Demokratie eine Rückbesinnung auf das monarchistische System dar und erinnerte an die politische Mentalität des Wilhelminismus. Politisch war das Wennigser Freischießen aber noch nie gewesen, im Gegenteil. Es war immer streng darauf geachtet worden, sich in keine politische Ecke drängen zu lassen, wie sich wenige Jahre später beweisen mußte.

Nach dem Wiederaufleben der Festtradition fanden die Freischießen nun in kürzeren Abständen statt. Vom 23. bis 25. Juni 1929 wurde das „durch seine Eigenart im weiten Umkreise bekannte Volksfest zum zweiten Male wieder seit dem Kriege“ gefeiert. Eine besondere Erwähnung verdient dieses spezielle Fest, weil erstmals auch eine Frau unter den Aktiven und sogar unter den Offizieren war, wie die Deister-Leine-Zeitung herausstellte: „auch ein junges Mädchen bemerkte man unter den Reitern und ritt die Front mit ab.“ Im selben Bericht wurde auch die besondere Belastung der Offiziere deutlich: „Manche der Kommandeure waren heiser geworden, ihre Kommandos waren kaum zu verstehen - 4 Tage ist des Guten für manchen zuviel.“ Auch in den Jahren 1931, 1934 und 1937 fand das historische Schützenfest jeweils am letzten Wochenende im Juni statt, traditionell eine Woche vor dem hannoverschen Fest.

1934 stand das Fest zum ersten Mal unter den Vorzeichen des „Dritten Reiches“ und des Nationalsozialismus. Nun mußte sich zeigen, inwieweit es gelang, weiterhin ein unpolitisches Volksfest zu feiern. Die Deister-Leine-Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 30. Juni 1934: „Die hiesige Schützengesellschaft feierte am Sonntag, Montag und Dienstag unter allgemeiner Anteilnahme der Einwohnerschaft ihr althistorisches Schützenfest. Nachdem schon am Sonnabendabend die Generalprobe stattgefunden hatte, herrschte am Sonntagmorgen in unserem Orte reges Leben. Die Garde-Weißen zogen auf Wache und wurden durch ihren Feldwebel an ihre Aufstellungsorte gebracht. Kurz nach Mittag marschierten dann die einzelnen Formationen zum Schützenhofe, um dort Aufstellung für den Festzug zu nehmen. Nach Abnahme der Parade und dem anschließenden Fahnenschwenken setzte sich der bunte Zug in Bewegung und nahm seinen Weg durch fast sämtliche Straßen unseres Ortes, wo zahlreiche hiesige und auswärtige Besucher standen. Auf dem Schützenplatze angekommen, fand der Parademarsch in Gruppen, Zügen und Reihen statt. Tausende von Zuschauern waren erschienen und verfolgten mit größtem Interesse alle einzelnen Begebenheiten. In seiner anschließenden Rede begrüßte der kommandierende General Bullerdiek alle Anwesenden und brachte ein "Vivat Hoch" auf die Schützengesellschaft, die vielen Gäste und unsere Reichsregierung aus. Die Vorlesung der Kriegsartikel der Wennigser Armee fand durch die humorvolle Zusammenstellung die gebührende Anerkennung. Darnach wurde die Schützenscheibe feierlichst mit Musik zum Scheibenstand gebracht. Anschließend wurden die Gewehre zusammengestellt und die eingeteilten Posten nahmen ihre Stellungen ein. Nun folgte der gemütliche Teil. In den vielen Festzelten herrschte buntes Leben und Treiben. Bis zum frühen Morgen wurde das Tanzbein geschwungen. Auf dem Platze sorgten Karussells und verschiedene Schaubuden dafür, daß auch die Jugend auf ihre Kosten kam. Am Montagmorgen versammelten sich sämtliche Offiziere, Fahnenschwenker und Schaffer zu einem gemeinsamen Frühstück in den Festzelten. Nachmittags fand das Königsschießen statt, es wurde heiß gestritten, jeder wollte gern die Königswürde erringen. Nach hartem Kampf errang dieselbe Schmiedemeister August Kaltebra, zweitbester Mann blieb der Schneider Willi Schneider. Die Schützenscheibe erschoß sich der Schützenkönig von 1931, Max Wehrhahn. Der dritte Tag war der humorvollste Tag. Die Offiziere trugen große Papierorden, die Mannschaften unter Gewehr alte gediegene Hüte und angeklebte Schnurrbärte und dergl.Die Kolben der Gewehre wurden nach oben getragen, alles nur, um zu zeigen, daß die ganze Sache mit Militarismus nichts zu tun hat, sondern lediglich nur Spaß, verbunden mit Kameradschaftssinn, war.“

Die Wennigser Bürger blieben diesen Traditionen ihres Schützenfestes auch bei den folgenden Festen in den Jahren 1937 und 1939 treu, auch wenn auf den wenigen erhaltenen Fotos dieser Feste an dem einen oder anderen Haus im Bildhintergrund die Hakenkreuzfahne zu sehen ist. Zwei Veränderungen ergaben sich aber doch noch. 1939 fand das historische Schützenfest erstmals im Juli statt, wie die Lokalzeitung den Wennigsern am 14. Juni 1939 vermeldete: „Unser hiesiges Volksfest (früher Schützenfest), das am 25. Juni stattfinden sollte, mußte auf den 23. Juli verlegt werden, da mit dem besten Willen nicht möglich war, Festzelte zu bekommen.“ Die zweite Veränderung betraf den Siegpreis für den Schützenkönig. Zum ersten Mal war es für den Sieger ein lohnendes Freischießen. Er konnte sich von Bürgersteuer frei schießen. „Aufgrund eines Beschlusses des Gemeindeausschusses wird der neue Schützenkönig für die Zeit seiner Herrschaft von der Bürgersteuer befreit sein“. Der neue Schützenkönig, Schmiedemeister August Kaltebra, sollte 15 Jahre lang in den Genuss dieser Befreiung kommen. Obwohl das kommende Fest - wie bereits erwähnt, das angeblich 100jährige - für 1941 bereits angekündigt war, wurden natürlich mit Beginn des Zweiten Weltkrieges sämtliche Feste eingestellt, und es dauerte bis zum Jahr 1954, bis wieder ein Freischießen in Wennigsen stattfinden konnte.

Freischießen hat auch eine eigenen Internetauftritt.

Letzte Änderung am: Sonntag, 04.03.2012